Foodblogger und Ernährung: Von Einfluss, Verantwortung, pegan und Allesfressern

1. Juni 2017

Artikel aus unserem magazin.pur 2016

Es war eine spontane Idee, auf dem Foodbloggercamp in Reutlingen 2016 eine Session zum Thema Foodblogger und Ernährung anzubieten, und das Interesse war sehr groß. Als Diätassistentin und Oecotrophologin habe ich mich den Fragen der Foodblogger gestellt und konnte hoffentlich ein paar Mythen aus Expertensicht aufklären. In der lebhaften Diskussion wurde deutlich: Ernährung geht uns alle etwas an, gegessen wird immer. Doch wie soll man sich verhalten, wenn die tägliche Nahrungsaufnahme nicht mehr nur privat, sondern auf den Social-Media-Kanälen und auf den Blogs stattfindet? Man lädt Menschen zum Blick auf den eigenen Teller ein – du bist, was du isst. In Zeiten der Vernetzung mutieren sogar getrocknete Beeren auf dem Müsli zum Statussymbol. Berechtigt einen denn eine gewisse Followerzahl, Ratschläge zum Thema Ernährung zu geben? Möchten das Foodblogger überhaupt? Wird man unweigerlich zum Vorbild in Sachen Ernährung, wenn man eine gewisse Präsenz hat? Beeinflussen die Influencer das, was auf unseren Tellern landet? Als studierte Oecotrophologin ist man sich der Verantwortung bewusst, gibt manchmal zögerlicher Auskünfte oder Ratschläge, weil Ernährungsberatung nicht mal nebenbei passieren darf. Es geht ja schließlich im weitesten Sinne um das Thema Gesundheit, und eine Spontandiagnose am Büfett würde (hoffentlich) auch kein seriöser Arzt machen. Doch im Netz ist ein Hinweis schnell getippt, ein Link rasch gesetzt – das sind die Beobachtungen, die wir als Leser und Konsumenten von Blogs & Co. machen. Und auch in den eigenen Social-Media-Aktivitäten merkt man sehr schnell, dass bei Schlagworten wie #healthyeating und #healthyfood die Likes nach oben schnellen. Aber statt uns nur auf eigene Beobachtungen zu stützen, haben wir mal die gefragt, die uns tagtäglich im Netz in die Töpfe und Smoothie-Bowls gucken lassen. 21 Foodblogger, zu denen wir als Agentur eine gute Beziehung haben, beantworteten unseren Fragebogen zum Thema Ernährung. Neben den Antworten konnten wir aus den Mailkontakten noch sehr viel mehr herauslesen – Ernährung interessiert, polarisiert und begeistert. Wir sind für diesen Austausch sehr dankbar!

Foodblogger und Ernährung

Dringend gesucht: Vegetarisches Geschnetzeltes

Vegan, vegetarisch und Clean Eating sind die drei Ernährungsweisen, die als Themenschwerpunkte auf den Blogs am häufigsten genannt wurden. Sehen sich manche der befragten Blogger als klassische „Allesfresser“, so versuchen aber auch viele von ihnen, sich vegetarisch oder möglichst gesund zu ernähren. Auch wenn eine Intoleranz vorliegt, wird dieses nicht zwingend auf dem Blog thematisiert. Die auf dem Blog präsentierte Ernährungsweise bzw. die Rezepte als kompletten Spiegel des persönlichen Essverhaltens anzusehen, ist also nicht korrekt. Häufig werden ja auch besondere Festtagsgerichte, Kuchen oder Eis präsentiert – die, ob Foodblogger oder Normalo, wohl nicht täglich im Bauch landen. Geschmack und Wohlbefinden sind die Gründe für die persönliche Ernährungsweise – absolut nachvollziehbar, oder?! Aber auch ethische Gründe sind für die befragten Foodblogger bei der Gestaltung des persönlichen Speiseplans sehr wichtig. Kein Wunder also, dass „veganes Geschnetzeltes“ bei einem der befragten Blogger ein beliebter Suchbegriff ist.

Viele Fragen, vorsichtige Antworten

Für uns eine der Schlüsselfragen: Wie häufig wirst du durchschnittlich um eine ernährungsbezogene Aussage (Empfehlung, Tipp) von einem Leser gebeten? Hier gehen die Erfahrungen unserer Foodblogger weit auseinander: Zwei Drittel von ihnen werden regelmäßig zu Ernährungsthemen kontaktiert, knapp ein Drittel wurde noch nie dazu befragt. Im Allgemeinen richten sich die Fragen der Leser auf den Ersatz von Lebensmitteln und wo man sie kaufen kann sowie auf den Gesundheitswert bestimmter Lebensmittel – praktische Fragen, die wohl beim Lesen der Blogbeiträge aufkommen. Auch bei Healthy-Living-Bloggerin Kristin Woltmann von eattrainlove sind die Fragen sehr praxisnah: Mahlzeitenanzahl, Mahlzeitengröße, frisch oder tiefgekühlt – sie spricht bei den Antworten auf diese Fragen von ihren persönlichen Erfahrungen, von dem, was ihr guttut. Sabrina Kiefer, die zusammen mit Steffen Jost auf dem Foodblog feedmeupbeforeyougogo schreibt, ist bei diesem Thema auch vorsichtig: „Wir halten uns auf dem Blog sehr zurück mit ernährungswissenschaftlichen Ratschlägen, da wir uns nicht als Experten sehen und auch keine Fehlinformationen weitergeben möchten“, und ergänzt: „Solche Ansätze in Posts aufzunehmen, nur weil sie gerade im Trend liegen oder aus SEO-Gründen (bringt natürlich Traffic), halten wir für schwierig.“

Foodblogger und Ernährung

Was (nicht) kommt

Foodblogs sind mittlerweile eben oft nicht nur Online-Kochbücher für Freunde und Verwandte, sondern bieten auch die Möglichkeit, zum Beispiel durch Kooperationen mit Unternehmen Geld zu verdienen. „Ich hoffe einfach, dass jeder Blogger seine Stimme für bessere Lebensmittel einsetzt und sich nicht von großen Marken beeinflussen lässt, seine Seele und Authentizität für höhere Reichweiten & Co. zu verkaufen“, appelliert Sonja Lukenda von thewhitestcakealive an die Bloggercommunity. Die Verantwortung, derer sich Blogger gegenüber ihren Lesern bewusst sind, wird hier deutlich. Ob es jeder so handhabt, ist fraglich, auch im Hinblick auf die Ernährungstrends, die nach Einschätzung der befragten Blogger gerade auf Blogs diskutiert werden beziehungsweise im Trend liegen. Die Top 3: vegan, paleo und low carb. Mit etwas Abstand gefolgt von glutenfrei. Dieses Ergebnis deckt sich auch mit den beliebtesten ernährungsspezifischen Suchbegriffen ihrer Leser, die die Blogger uns genannt haben. Vier Ernährungsweisen, bei denen Leser schon ein paar Dinge beachten müssen, um den Richtlinien einer gesunden Ernährung treu zu bleiben. Die nächste abgefahrene Ernährungsweise scheint gerade nicht in Sicht. Auch pegan, eine Kombination der beiden am häufigsten genannten Ernährungsformen paleo und vegan, wurde von den Foodbloggern nicht als durschlagender Trend identifiziert. Im Allgemeinen sei das Thema „Frei von“ nach wie vor groß im Kommen. Bloggerin Daniela Jung von tastearound hat eine klare Haltung zu den Trendernährungsformen: „Tatsächlich gibt es Unverträglichkeiten, die über Ernährungsformen gemildert  werden, aber vieles wird einfach gelebt, weil es momentan Trend ist, und damit gehe ich absolut nicht konform.“

Wertschätzung statt Bevormundung

Den persönlichen Einfluss, den Blogger auf ihre Leser in Bezug auf deren Ernährung haben, können sie selbst nur sehr schwer einschätzen – da hat unsere Befragung kein eindeutiges Ergebnis geliefert. Foodblogger Björn Valentin, Herzfutter, meint zu diesem Punkt:  „Ich denke, dass Blogger einen starken Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten ihrer Follower haben, und finde es daher problematisch, wenn Blogger Zucker, Brot, Butter oder Fleisch lautstark verteufeln, da diese z.B. dick machen. Ich vermittle lieber, Spaß am Leben zu haben  und nicht nur auf die Waage oder den Bauch zu achten ;).“ Dieses unterstreicht auch Anita Thomas von Olleshimmelsglitzerdings: „Wir haben schon einen großen Einfluss. Bei mir geht’s darum: keine Tüte, lieber frisch und nach der Saison kochen.“

Die von uns befragten Blogger sehen klar ihre Verantwortung in Bezug auf ernährungswissenschaftliche Aussagen, nutzen jedoch ihren Einfluss auf ihre Leserschaft, sie zu einer wertschätzenderen Haltung gebenüber Lebensmitteln zu motivieren, geben viel Inspiration und Tipps gegen Langeweile auf dem Teller und machen nicht jeden Trend blindlings mit.
Im Netz heißt eben nicht gleich im Bauch ;)!

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