Waaas, das nimmt die sich? Ernährungsfachkräfte und die Schlacht am Buffet

18. Juni 2019

Eine Gefahrenzone, der man sich als Ernährungsfachkraft oft nicht bewusst ist, ist das Buffet. Unabhängig, ob der Anlass Tante Inges siebzigster Geburtstag, die Hochzeit der besten Freundin oder ein Business-Treff für die meterlange Schmauserei ist. Ein Survival-Kurs für dieses spezielle kulinarische Unterfangen wäre durchaus von Vorteil gewesen, denn auch wenn es sich eigentlich nur um eine festlich arrangierte Auswahl an Essen handelt, für eine Ernährungsfachkraft ist ein Buffet ein mit Häppchen garniertes Tretminenfeld.

Ein persönlicher Erfahrungsbericht mit einem Augenzwinkern: Schon bevor das erste Schinkenröllchen auf dem Teller landen kann, wird mit Argusaugen beäugt, wann sich die Ernährungsfachkraft überhaupt zum Buffet bewegt. Gehört sie zu den Ersten, liegt der Verdacht nahe, sie hätte den ganzen Tag über nichts gegessen und müsste jetzt natürlich ihren unbändigen Hunger stillen. Wartet die Ernährungsfachkraft allerdings ab, bringt das die anderen Gäste, die um ihre Qualifikation wissen, in eine schwierige Lage: Sie möchten ja eigentlich auf den Teller der Expertin schauen, bevor sie sich selbst bedienen, und dies kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen möchten sie ihre persönliche Speisenauswahl mit der der Fachkraft abgleichen. Was sie sich nimmt, muss ja schließlich gesund, kalorienarm und voller Nährstoffe sein. Darauf kann man sich verlassen und hält sich ganz an ihren Teller, um selbst auch als besonders „healthy“ und ernährungsbewusst zu gelten. „Du bist, was du isst“ heißt es ja schließlich, und wenn man die Speisen nimmt, die sich der Experte auf den Teller lädt, macht einen das ja quasi selbst auch zum Experten. Wer braucht schon Ausbildung oder Studium?! Der zweite Grund, warum man zuerst gerne einen Blick auf den Fachkräfteteller werfen möchte, ist der, dass man endlich den Beweis dafür haben möchte, dass diese Experten ja alle nichts essen, nicht genießen und nur von einem Salatblatt leben. Ein kleiner Rest der Zögernden ist sich jedoch sicher, dass sich Ernährungsfachkräfte bestimmt die leckersten und besten Speisen nehmen, da sie sich ja besonders gut mit Lebensmitteln auskennen.

Spießroutenlauf und Aha-Momente

Wenn die Ernährungsfachkraft am Buffet steht, wird selbst die Auswahl des Bestecks kritisch beäugt: Aha, Gabel, Messer und Suppenlöffel? Na, die hat ja was vor! Dann nehme ich besser auch mal das volle Programm. Eine weitere Hürde, die die Fachkraft nehmen muss, ist die Salatauswahl. An dieser Stelle haben andere genaue Erwartungshaltungen, was und wie viel es sein darf. Zu viel Gemüse befördert einen gleich in die Kategorie „spaßbefreiter Moralapostel“, wählt man zu wenig Gemüse, hört man Gemurmel über „5 am Tag“. Aber es wartet schon die nächste Herausforderung – das Fleisch. Entscheidet sich die Fachkraft für die quiekende Antibiotika-Bombe oder das höchstwahrscheinlich massenmäßig aufgezogene Federvieh – jedes Klischee muss im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet werden. Wählt sie allerdings die vegetarische Variante, dann graben die Sorgen um die Eiweißversorgung des Ernährungsprofis tiefe Falten in die Stirn der Anwesenden. Der Endgegner sind die Stärkebeilagen. Doch bevor die Fachkraft sich zwischen Knödeln, Kroketten oder Nudeln entscheiden kann, blicken die anderen auf die Uhr. Stehen die Zeiger vor 18 Uhr, ist alles in Ordnung, nach 18 Uhr sorgt der Griff nach der Beilagenkelle für pures Entsetzen und offene Münder.

Heiße Diskussionen und eiskalter Abgang

Der Gang zum Buffet wäre geschafft, und als wäre es ein ungeschriebenes Gesetz muss die Speisenauswahl aller Beteiligten nun vor der Ernährungsfachkraft diskutiert werden, einschließlich allem, was auf ihrem Teller liegt. Ist das eigentlich gesund? Soll man abends noch Salat essen? In der Sauce sei doch bestimmt Zucker drin? Vegan kann ja auch nicht gut sein, oder? Wie viele Kalorien hat dies oder jenes? Aha, darf man jetzt also wieder Kartoffeln essen? All diese Fragen prasseln auf die Ernährungsfachkraft ein, die eigentlich gerne in Ruhe essen möchte, die ihren Job liebt, aber auch gerne über andere Themen spricht. Begeht sie jedoch den fatalen Fehler, sich zu einer Antwort hinreißen zu lassen, wird ihr Statement heiß diskutiert. Im Internet habe man aber Folgendes gelesen, die Mutter der Nachbarin, die ja auch so eine Ernährungsberaterin ist, hätte das aber ganz anders gesagt. Kurz fragt sich die Fachkraft, ob sie sich in ihrem Saucenspiegel ertränken könnte, belässt es aber bei einem höflichen Nicken und lässt ihren Blick durch den Saal schweifen. Sie entdeckt am Dessert-Buffet einen Kollegen, und während die anderen noch diskutieren, freut sie sich über mentale Unterstützung und ein köstliches Eis. Natürlich wird auch dieses aus der Ferne abgescannt und mit Verwunderung wahrgenommen. Was die anderen jedoch nicht wissen – gefrorene Kalorien zählen nicht. Ein Hoch auf Fachwissen und Gelassenheit!

Noch mehr Insights von Ernährungsfachkräften gewünscht? Hier finden Sie das spannende Interview mit VDD Award Gewinnerin 2019 Claudia Paul.

 

  Alle Beiträge von
Tags: , , ,
kalender.pur
Letzte Beiträge
11. Juli 2019

Foodblogger-Event mit Nährwert

Sonntag, 07. Juli 2019, 7:00 Uhr, München: Ein kühler, verregneter

10. Juli 2019

Das trägt man heute so – Der Einkaufstrolley aka Hackenporsche

Schon seit langer Zeit werden sie vom älteren Teil der

26. Juni 2019

Stang back at home: zurück in München, zurück beim Verband

Der Verband Private Brauereien Bayern e.V. ist die Interessensvertretung der

Veröffentlicht unter food.pur, lifestyle.pur, schlagzeile.pur Getagged mit: , , ,

kontakt.pur

Sie möchten Kontakt mit der Redaktion aufnehmen, weil Sie ein spannendes Thema haben, das in den Branchentreff gehört? Oder fehlt etwa ein wichtiger Termin im kalender.pur?

Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an branchentreff@kommunikationpur.com.

kategorien.pur