Das fast vergessene Satzzeichen: #makethesemikolongreatagain

22. Juni 2018

Portrait von Philologin und Übersetzerin Dr. Ulrike KretschmerNeuhochdeutsch wird seit fast 400 Jahren gesprochen. Seither gab es einige Änderungen in Aussprache und Grammatik; aber auch viele neue Wörter – vor allem aus dem Englischen wie Feedback, Meeting und Flyer – finden in unserer alltäglichen Kommunikation Anwendung. Sprachschützer kritisieren, dass der Wert einer gepflegten Sprache und Rechtschreibung mit E-Mail-, Social-Media- und Messenger-Konversationen an Bedeutung verliert. Im Gespräch mit Dr. Ulrike Kretschmer, Philologin und Übersetzerin aus München, betrachten wir die Veränderungen der deutschen Sprache.

Was verbindet Sie mit der deutschen Sprache?

Dr. Ulrike Kretschmer: Zum einen: Ich spreche sie, sie ist meine Muttersprache. Zum anderen: Schon in der Schule hatte ich Deutsch als Leistungskurs und habe später Germanistik im Nebenfach studiert, als Hauptfach Anglistik. Mein beruflicher Weg – ich arbeite heute als freie Lektorin und Übersetzerin aus dem Englischen ins Deutsche – hat sich also damals abgezeichnet. Ich verbinde viel Emotionalität mit der deutschen Sprache und liebe es, an der Sprache zu feilen. Beim Übersetzen muss man manchmal ein einziges Wort ganz genau unter die Lupe nehmen und in all seinen Bedeutungen ausloten, um dann das passende für den englischen Begriff und den Kontext zu wählen. Das hat viel mit Kreativität zu tun. Zugegeben, ich bin auch ein Sprachpurist und hänge sehr an korrekter Sprache. In ihr spiegelt sich das Denken wider: Je klarer das Denken, desto reiner die Sprache. Das könnte man noch weiter führen: desto präziser die Kommunikation, desto größer die zwischenmenschliche Verständigung.

Sprachwandel oder Sprachverfall: Wird das Deutsche in seiner Heimat zum Sanierungsobjekt?

Dr. Ulrike Kretschmer: Das ist tatsächlich eine Frage der Perspektive. Es gibt auf der Welt nichts, das nicht Veränderungen unterworfen wäre. So verändert sich auch Sprache die ganze Zeit. Je öfter wir etwas hören, auch wenn es anfänglich als „falsch“ galt, desto selbstverständlicher wird uns die neue Formulierung. Sie geht in den allgemeinen Sprachgebrauch über. Wer stolpert heute noch darüber, wenn jemand „wegen dem Buch“ statt „wegen des Buchs“ sagt? Laut Duden darf die Präposition „wegen“ mittlerweile auch mit Dativ (umgangssprachlich) verwendet werden. Veränderungen bergen aus meiner Sicht vor allem eines: kreatives Potenzial. Im Englischen gilt Shakespeares Sprache als besonders gewählt und gehoben. Er war aber ein Wortspieler; kaum ein anderer Dichter hat so viele Wortneuschöpfungen kreiert wie er. Viele heute vertraute englische Wörter sind erst seit Shakespeares Zeiten belegt. Sie müssen seinen Zeitgenossen also mehr als „spanisch“ vorgekommen sein. Dennoch haben sie sich etabliert. Vor allem ist es wichtig, die eigene Sprache zu reflektieren, damit aus Sprachwandel kein Sprachverfall wird. Trends nicht einfach ungefragt hinzunehmen, etwa den „Deppenapostroph“. Meist übernehmen wir solche Dinge aus dem Englischen und sind uns dessen gar nicht bewusst. „Ich werde mal eine Dusche nehmen“, habe ich neulich jemanden sagen hören – obwohl wir für „to take a shower“ das kurze und bündige deutsche Wort „duschen“ haben.

Welche Stilmittel der deutschen Sprachen geraten zunehmend in Vergessenheit?

Dr. Ulrike Kretschmer: Die sprachliche Vielfalt ist mir besonders wichtig. So fällt mir an dieser Stelle vor allem eines ein: das Semikolon! Manchen ist dieses Satzzeichen heute fast unbekannt. Vielleicht ist es im Zuge der Rechtschreibreformen einfach untergegangen. Fest steht allerdings: Es ist mehr Stilmittel als Satzzeichen und steht dann, wenn ein Punkt zu stark und ein Komma zu schwach wäre. Es eignet sich hervorragend, um Sätze zu gliedern und dem Leser im Lesefluss eine Pause zu gönnen, ihn aber gleichzeitig gedanklich noch bei dem zu halten, was gerade gesagt wurde. So bereichert es die Artenvielfalt unserer Schriftsprache, und deshalb setze ich mich auch sehr für das Semikolon ein.

Welches sind die imposantesten Neuschöpfungen oder Neuregelungen der deutschen Sprache?

Dr. Ulrike Kretschmer: Natürlich muss man zwischen Neuschöpfungen und Neuregelungen unterscheiden. Neuschöpfung ist ein ganz normaler sprachlicher Prozess, der durchaus auch mal misslingen kann. Viele Wortkreationen kommen aus der Werbesprache, seien es Wörter wie „schokoschmackig“ oder „parshippen“. Eine andere tolle Quelle für Neologismen ist die Jugendsprache. Sind die Neuschöpfungen wirklich kreativ und besetzen sie eine neue Bedeutungsnische, werden sie mit aller Wahrscheinlichkeit auch in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen. Das entscheiden dann die Benutzer der Sprache, was bei Neuregelungen nicht der Fall ist.

Wie beurteilen Sie als Fachfrau die Neuregelungen?

Dr. Ulrike Kretschmer: Allein in den letzten 20 Jahren hatten wir eine waschechte Rechtschreibreform (1996) und anschließend zwei Überarbeitungen des neuen Regelwerks (2004 und 2006). Das führte zum einen dazu, dass der Duden immer bunter wurde – neben der „alten“, schwarzen Schreibweise gibt es nun auch die „neue“, im Duden rot gedruckte und die im Duden gelb hinterlegte „empfohlene“ Schreibweise. Zum anderen führten die Reformen zu orthografischer Unsicherheit, bei Schülern, Lehrern und Anwendern gleichermaßen. Dabei hatte die Rechtschreibkommission sicherlich die hehrsten Motive: Vereinfachung und den Wunsch, dem Sprachwandel Rechnung zu tragen. „Imposant“ im negativen Sinn sind einige der Neuregelungen für mich vor allem deshalb, weil sie teils nicht nachvollziehbar sind. Es heißt zum Beispiel „Erdöl exportierend“, aber „gewinnbringend“. Ich persönlich halte mich an die gelben, empfohlenen Schreibweisen.

Wie verändern digitale Konversationen und soziale Netzwerke den deutschen Sprachgebrauch?

Dr. Ulrike Kretschmer: Ich denke, enorm. Das liegt in erster Linie daran, dass es bei diesen Medien um Sprachökonomie geht. Wer heute in allen sozialen Netzwerken vertreten sein will, hat eine Menge zu tun – und wenig Zeit. Da fällt einiges unter den Tisch, vom schlichten Satzzeichen (der Apostroph, wo er tatsächlich hingehört, zum Beispiel in „gehts“) bis zur ganzen Phrase, die auf eine Buchstabenkombination reduziert wird: lol, mfg. Die Schriftsprache in diesen Medien ist gesprochene Sprache, Umgangssprache. Dabei gehen viele Feinheiten verloren, aber es bietet auch wieder kreatives Potenzial, und wir sollten uns mit ihnen auseinandersetzen. Durch Facebook, WhatsApp & Co. kann sich neben den Inhalten auch Sprache als solche sehr rasch verbreiten. Anders haben Bücher auch nicht angefangen. Sie sind Medien, über deren Nutzen oder Schaden der gesunde Menschenverstand der Schreiber und Leser entscheidet. Ganz nebenbei ist die Autokorrektur oft eine sinnvolle Hilfe, die aber auch schon einige Male als Quelle der Erheiterung gedient hat.

Welche Tipps können Sie Sprachinteressierten geben? Welche Werke würden Sie empfehlen?

Dr. Ulrike Kretschmer: Ich würde nicht unbedingt ein Buch über Sprache lesen; es sei denn, es geht um Sprachwissenschaft. Meine Empfehlung lautet schlicht: lesen, lesen, lesen. Offline und online. So viel und so unterschiedlich wie möglich, damit man viele verschiedene Stile kennenlernt. Je mehr man liest, desto mehr erweitert man den eigenen Wortschatz. So trägt nicht nur der Autor, sondern auch der Leser zur sprachlichen Artenvielfalt bei, da Gelesenes immer auch Gesprochenes verändert. Unterhaltsame Beispiele zur deutschen Sprache und ihren Verwirrungen liefert übrigens Bastian Sick, Journalist und Autor der Kolumne „Zwiebelfisch“ sowie des Buchs Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.

Ulrike Kretschmer im Interview mit kommunikation.pur

Fazit

Ob man die Veränderungen der deutschen Sprache sachlich nüchtern als Sprachwandel bezeichnet oder als Sprachverfall bedauert: Die digitale Kommunikation, die Übernahme englischer Begriffe sind aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken und bringen immer wieder neue Begrifflichkeiten in unseren Alltag. Manchmal schaffen wir sogar eigene Wörter. Besucht ein Amerikaner ein „public viewing“, dann gibt es dort weder Konzert noch Fußballspiel zu sehen, sondern eine Aufbahrung. Diese Wortneuschöpfung zeigt: Der Sprachwandel lässt sich nicht aufhalten. Wir arbeiten Tag für Tag an der präzisen Formulierung der Botschaften unserer Kunden. Wörter und Texte sind unser Handwerk. So behandeln wir die deutsche Sprache als schützenswertes Kulturgut sorgsam und streben nach kreativem Ausdruck, korrekter Anwendung und Erweiterung unseres Sprachschatzes gleichermaßen.

Wer nach dem Lesen dieses Interviews nun Lust bekommen hat, sich mit weiteren Medien wie Podcasts, Büchern, Blogs & Co. zu beschäftigen, kann sich mal in unserer Rubrik medien.pur umsehen.

 

  Alle Beiträge von
Tags: ,
kalender.pur
Letzte Beiträge
16. August 2019

TED Talks – Infotainment in Bestform

Wie muss man reden, damit andere zuhören? Was macht ein

13. August 2019

Was wir von der ayurvedischen Ernährung lernen können

Wer sich mit unterschiedlichen Ernährungsformen beschäftigt, wird über kurz oder

8. August 2019

kommunikation.pur sucht den Superblogger 2019!

Schon im letzten Jahr haben wir, als Food-PR-Agentur, uns auf

Veröffentlicht unter interview.pur, lifestyle.pur Getagged mit: ,

kontakt.pur

Sie möchten Kontakt mit der Redaktion aufnehmen, weil Sie ein spannendes Thema haben, das in den Branchentreff gehört? Oder fehlt etwa ein wichtiger Termin im kalender.pur?

Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an branchentreff@kommunikationpur.com.

kategorien.pur

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr Informationen

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close