Hirschfelder und Trummer: Der Biergeschichte auf den Grund gegangen

11.04.2019

| Lesezeit: 5 Min.

Zum Buch „Bier: Die Geschichte von der Steinzeit bis heute“ vom Autoren-Duo Prof. Dr. Gunther Hirschfelder und Manuel Trummer bin ich auf Umwegen gekommen. Bei meinem Referat zum Thema „Bier & Brot“ im Rahmen der Weiterbildung zum Brot-Sommelier an der Bäckerakademie in Weinheim habe ich Prof. Hirschfelder kennengelernt, der den zukünftigen Brot-Sommelier-Kollegen geschichtliches Futter zur Brotgeschichte bietet. Sein Buch lag auf dem Büchertisch und natürlich war mein Interesse sofort geweckt. Ein Fachbuch, das sich in erster Linie der Entstehungsgeschichte und der Verbreitung des Kulturgetränkes Bier widmet. Es thematisiert weder die einfache Nennung einzelner Biernationen, Bierstile oder die Vorstellung von Bieren, sondern behandelt umfassend die Entstehungsgeschichte von Bier. Und in der Tat habe ich beim Lesen des Werkes viel Neues erfahren sowie Zusammenhänge in der Geschichte erkennen dürfen. So kann ich nun beispielsweise die Entstehung des Bierstils Porter in der englischen Geschichte besser einschätzen.

Zehn Kapitel tief greifender Biergeschichte

Biergeschichte als Zivilisationsgeschichte, Bierentstehung zwischen Euphrat und Tigris und Bier im alten Ägypten sind zentrale Themen der ersten Kapitel. In Ägypten waren die Bier- und Brotherstellung bereits eng verknüpft, was anhand des Holzmodells der Brauerei vom Landgut von Meketre sehr deutlich abzulesen ist. Bei diesem Holzmodell handelt es sich um eine Grabbeigabe, in dem sich Brauerei und Bäckerei in zwei durch eine Tür verbundenen Räumen befinden. Eine Entwicklung, die bei uns in Deutschland auch im Mittelalter so zu sehen war. Das nur als eine der beispielhaften, aber sehr spannenden Anekdoten, von denen im Fachbuch sehr viele zu finden sind.

In den weiteren Kapiteln werden die Themen Bier im frühmittelalterlichen Europa, das professionelle Brauwesen im Hoch- und Spätmittelalter sowie die heterogene Bierkultur der frühen Neuzeit behandelt. Weiterhin wird anschaulich dargelegt, aufgrund welcher Faktoren sich Bier als Kulturgetränk auf die Reise um die Welt macht und wie der Weg von einer großen regionalen Biervielfalt zum Mainstream und aktuell wieder zurück zur Biervielfalt verlaufen ist.

Bier: Eine nicht endende Erfolgsgeschichte

Im abschließenden Kapitel ziehen die beiden Wissenschaftler ihr eigenes Fazit und bescheinigen darin dem Kultgetränk Bier eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Bier begleitet die Geschichte der Menschheit seit über 10.000 Jahren von den ersten Schritten in die Sesshaftwerdung bis heute ins hochtechnologisierte und digitale Industriezeitalter. Die Bierherstellung hat die Menschen von jeher gefesselt und das Getränk hat nicht nur Berge, Wüsten und Ozeane bei der Verbreitung überwunden, sondern auch kulturelle wie politische Schranken gesprengt. Spannend fand ich auch den gedanklichen Aspekt, dass sich nach Meinung des Autoren-Teams Frauen das Recht auf Bier erkämpfen mussten. In der Vergangenheit haben gerade männerdominierte Gesellschaften den Frauen nicht das Recht zugebilligt, Bier zu konsumieren. Und das, obwohl im Mittelalter das Brauen Frauensache und das Equipment zur Bierherstellung stets Teil der Aussteuer war. Die beiden Wissenschaftler sind der Meinung, dass Biergeschichte daher auch immer Emanzipationsgeschichte ist.

Alles in allem handelt es sich bei „Bier: Die Geschichte von der Steinzeit bis heute“ um ein fundiert recherchiertes, geschichtliches Gesamtwerk, aus dem jeder Bierbegeisterte viel Hintergrundwissen schöpfen und die so kennengelernten Geschichten in Bierverkostungen und Vorträge einbauen kann. Es ist trotz aller historischen Belege und genau dokumentierter Quellen kein langweiliges, trockenes Geschichtsbuch, sondern unterhaltsam und flüssig geschrieben.

Cover Buch Geschichte von der Steinzeit bis heute
© wbg Theiss

Mit diesen Daten finden alle Bierinteressierten das Werk rund um die Biergeschichte von der Steinzeit bis heute:

Prof. Dr. Gunther Hirschfelder/Manuel Trummer: Bier: Eine Geschichte von der Steinzeit bis heute; 220 Seiten (die restlichen 50 Seiten stellen eine umfassende Literaturliste dar); Konrad Theiss Verlag GmbH ; ISBN 978-3-8062-3270-7; 24,95 Euro

Allen, die sich von der Geschichte weg, hin zu mehr Praxis bei Bierverkostung, Sensorik und Bierstilen bewegen und sich entsprechend weiterbilden wollen, empfehlen wir mit einem Klick unsere Buchbesprechung des Werkes Die neue Bierkultur 4.0 vom Autoren-Trio Dr. Markus Fohr/Axel Kiesbye/Dr. Wolfgang Stempfl durchzulesen.

BEITRAG TEILEN

WEITERE ARTIKEL, DIE DICH INTERESSIEREN KÖNNTEN

Insekten in Snackschale
Grillen, Heuschrecken oder Mehlwürmer als Lebensmittel? Was hierzulande noch eher ungewöhnlich klingt, ist global betrachtet keineswegs neu. In verschiedenen Regionen der Welt gehören Insekten als Lebensmittel seit Langem zu lokalen Ernährungstraditionen und werden je nach Region, Art und Zubereitung ganz unterschiedlich gegessen. mehr
Hygge, Lagom und Co.: Was wir von Skandinavien lernen können
Was haben Gemütlichkeit, bewusste Pausen, das richtige Maß und Zeit in der Natur gemeinsam? In Skandinavien gibt es dafür gleich mehrere Begriffe: Hygge, Mysig, Lagom, Fika und Friluftsliv. Sie beschreiben unterschiedliche Facetten einer Lebensart, die weltweit fasziniert, und zeigen, dass manchmal schon kleine Veränderungen im Alltag einen Unterschied machen können. Was wir uns davon abschauen können, zeigen wir in diesem Beitrag. mehr
Sandra Ganzenmüller und Candy Sierks
Die Kommunikationswelt verändert sich: Kanäle werden vielfältiger, Prozesse schneller und Künstliche Intelligenz hält Einzug in den Agenturalltag. Gleichzeitig bleiben fachliche Kompetenz, Vertrauen und persönliche Beziehungen unverzichtbar. Agenturgründerin Sandra Ganzenmüller und Nachfolgerin Candy Sierks sprechen darüber, was gute Food-Kommunikation heute ausmacht und was sie morgen leisten muss. mehr
Kiosk-Konzepte neu gedacht.
Zeitung, Zigaretten, Gummibärchen und fertig ist der Kiosk? Von wegen. Was jahrzehntelang als Basisversorger mit überschaubarem Sortiment galt, wird gerade neu definiert. Zwischen Coffee-to-go-Kultur, Digitalisierung und Kiez-Romantik entstehen Konzepte, die zeigen: Der Kiosk ist der heimliche Trendsetter des kleinflächigen Einzelhandels. Auch mir ist dieser Wandel zuletzt immer wieder aufgefallen. Wenn man durch die verschiedenen Stadtviertel in München schlendert, ist an vielen Ecken ein neuer Kiosk aufgepoppt und beim genaueren Hinsehen wird schnell klar, dass sich dahinter weit mehr verbirgt als der klassische Zeitschriften- und Zigarettenladen von früher. mehr
Nach oben scrollen