Prof. Dr. Martin Krottenthaler über Brauwirtschaft und Schrotfraktionen

26. Oktober 2017
Portrait von Martin Krottenthaler

Foto: Katrin Glauner

Prof. Dr. Martin Krottenthaler hat Generationen von Studenten erfolgreich durch das Studium des Brau- und Getränkewesens geführt. Seit 2012 verantwortet er an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf die Professur für das Lehrgebiet Brautechnologie und Technologie der Getränkeherstellung. Wir haben ihn dort besucht und über Veränderungen der Ausbildungsinhalte in den letzten 20 Jahren gesprochen sowie die Gründe erörtert, warum sich junge Leute auch heute noch für einen Berufsstart in der Brauwirtschaft entscheiden.

Herr Prof. Krottenthaler, Sie sind, wenn man Ihre Studienzeit dazuzählt, seit über 30 Jahren elementarer Teil der Brauwirtschaft, haben viele Studenten auf deren beruflichem Weg begleitet und ihnen das notwendige Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere mitgegeben. Ist die Motivation der Studenten von heute, den Beruf zu ergreifen, eine andere als zu Ihrer Zeit?

Martin Krottenthaler: Die Motivationsgründe sind in jedem Fall breiter geworden. Die jungen Leute von heute haben viel mehr Vorerfahrungen, sind weltgewandter, waren auf Reisen, haben andere Länder und Kulturen gesehen und sind auch nicht so fixiert in ihrer finalen Berufswahl. Sie haben durch unterschiedlichste Impulse das Herz für Bier und Getränke entdeckt und wollen dieses Interesse in einem Studium vertiefen. Früher war der Weg eines Brauers, eines Brau- und Getränketechnologen vorgezeichnet; wer aus der Branche kam, ist in die Branche eingestiegen, und Externe konnte man mit der Lupe suchen. Heute begrüßen wir an der Hochschule mehr Quereinsteiger, die in erster Linie vom Thema begeistert sind, jedoch keine erbliche Vorbelastung vorzuweisen haben, aber bereit sind, sich in die Materie einzuarbeiten.

Was hat sich an den Ausbildungsinhalten über die Jahre geändert?

Martin Krottenthaler: Die fachlichen Ausbildungsinhalte sind grundsätzlich natürlich die gleichen. Vor 100 Jahren ist die Brau- und Getränkewirtschaft vom unternehmerischen Gesichtspunkt aus gleich betrieben worden, und auch am Kerngedanken des Brauens hat sich im Großen und Ganzen nichts Elementares geändert. Was sich jedoch verändert hat, ist das Ausbildungssystem. Wir unterscheiden seit dem Bologna-Prozess den Bachelor und Master als akademischen Abschluss sowie die nicht-akademischen Ausbildungen an Fachakademien und Schulen; hier hat sich die Situation deutlich verschärft. Wo früher noch gut ausgebildete Leute mit einem nicht zwingend akademischen Abschluss gute Anstellungen bekommen haben, ist es heute so, dass man einen bestimmten anerkannt akademischen Ausbildungsgrad mitbringen muss. Nur dann ist man international für große Unternehmen relevant. Es gibt die Universitäten als klassische akademische Ausbildungsstätten mit einem klar wissenschaftlichen Anspruch; es gibt die Hochschulen, an denen man auch einen akademischen Grad erlangen kann, nämlich einen Bachelor- und manchmal auch einen Masterabschluss, der jedoch eher auf die Praxis abzielt. Daneben bietet sich den Interessierten die Möglichkeit, einen Abschluss an Fachschulen und Akademien zu erwerben, die ihrerseits ein großes Spektrum an Wissen vermitteln und die Absolventen bestens auf den Berufsalltag vorbereiten, aber eben keinen akademischen Grad als Abschluss vergeben können. Mit einem solchen Abschluss wird man dann besonders von weltweiten Konzernen gehaltsmäßig niedriger eingestuft.

Wie unterscheidet sich die Hochschulausbildung in Weihenstephan-Triesdorf von der an der Technischen Universität? Vor allem der Unterschied zwischen Diplombraumeister und dem FH-Bachelor ist spannend. Wenn ich mich nicht irre, gibt es an der FH ja auch den Braubachelor einmal dual und einmal nicht.

Martin Krottenthaler: Ich möchte hier auf den dualen Studiengang eingehen. Der Gedanke einer dualen Ausbildung kommt ja eher aus der betriebswirtschaftlichen Ecke, wo sehr viel früher erkannt wurde, dass die Studierenden bereits im Zuge der Ausbildung systematisch Kontakt mit der Industrie bekommen sollten. Wir sind jetzt weltweit die erste Hochschule, die eine duale Ausbildung im Getränkesektor anbietet. Das hat den Hintergrund, dass wir mit der Ausbildung praxisnah sind und in ein neues Feld vorstoßen wollen und das Glück haben, mit der Berufsschule in München einen perfekten Partner an der Seite zu haben, um das Projekt auf hohem Niveau umsetzen zu können. Die Dualis erwerben in der kombinierten Ausbildung einen Gesellenabschluss sowie einen Bachelor und dies mit einem hohen Grad an Praxiswissen, garantiert durch die Ausbildungsblöcke im Unternehmen.

Die Anforderungen an die Studenten steigen stetig; die Industrie möchte engagierte Leute, die schnell und effizient studiert haben, einen guten Abschluss aufweisen, viele Praktika geleistet haben, Auslandserfahrung mitbringen und im Idealfall auch noch ein paar Sprachen sprechen. Wie gehen die Studenten mit dem Leistungsdruck um?

Martin Krottenthaler: Dies kann ich nicht generell bestätigen. Natürlich sind die Zeitvorgaben enger geworden, und die Ausbildungsinhalte haben sich so verdichtet, aber wir haben darauf reagiert und bieten unseren Studierenden eine große Brandbreite an unterstützenden Maßnahmen. Von Tutorien, die von höheren Semestern angeboten und geleitet werden, um in bestimmten Fächern die Vorlesungsinhalte nachzuarbeiten, über Mentorenangebote bis hin zu Facebook-Gruppen finden unsere Studenten ein enges Netz vor, das sie auffängt und mit dem sie sich bestens auf die Prüfungen vorbereiten können.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Absolventen den Anforderungen der Wirtschaft gerecht werden und die Ausbildungsinhalte passgenau sind?

Martin Krottenthaler: Ich stehe im kontinuierlichen Austausch mit den Unternehmen, die die potenziellen Arbeitgeber sind, um eventuell neue Anforderungen schnell in die Ausbildung einbauen zu können. Zudem haben wir in allen Bereichen einen hohen Grad an Praxisorientierung. Hier im Technikum beispielsweise können sich die Studenten in Teams beweisen, ohne von uns Lehrkräften zu enge Vorgaben zu erhalten. Nur wenn auch mal Fehler gemacht werden, kann ein Lerneffekt eintreten. Unsere Absolventen erlernen in den praktischen Übungen das Konfliktmanagement von Grund auf, da sie sich in Teams organisieren müssen. Sie erfahren, wie sie sich verhalten sollen, wenn ein Projekt auch mal schiefläuft. Sie müssen in diesem Fall gemeinsame Lösungen finden, denn im Job später stehe ich als Professor ja auch nicht hinter ihnen, um Fehler auszubügeln.

Wie stellt sich die Beschäftigungssituation für Ihre Absolventen dar?

Martin Krottenthaler: Die Nachfrage nach unseren Absolventen ist enorm. Im ersten Jahr musste ich noch für die Vermittlung der Praxissemester Werbung betreiben und bei den Unternehmen nachtelefonieren. Bereits in der zweiten Runde war dies nicht mehr nötig; alle Studierenden haben ohne Aufwand sofort einen Praktikumsplatz bekommen und am Ende auch einen Job. Der Großteil ist mittlerweile in der Zulieferindustrie, aber auch in produzierenden Unternehmen untergekommen.

Wenn Sie zurückblicken, was war Ihr absolutes Yes-Projekt?

Martin Krottenthaler: Da gibt es natürlich viele tolle Erlebnisse mit Studierenden und Projekte, die ich in den vergangenen Jahren beruflich umsetzen durfte. Aber die Konzeption und der inhaltliche Aufbau des Studiengangs an der Hochschule stellt sicherlich die Krönung meiner beruflichen Karriere dar. Ich weiß, dass ich alles richtig gemacht habe, wenn meine Studierenden erfolgreich sind und die Industrie eine hohe Nachfrage signalisiert, wie das aktuell der Fall ist.

Und zum Abschluss noch eine fachliche Frage, die Sie ja allen Studierenden immer wieder eintrichtern, damit sie zumindest einen von 100 Punkten in der Prüfung bekommen und zukünftig bei Fachgesprächen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Können Sie mir die Schrotfraktionen für den Läuterbottich aufzählen?

Martin Krottenthaler: 18-8-35 und 21-7-11 beginnend mit den Spelzen bis hin zum Pudermehl.

Prof. Dr. Martin Krottenthaler hat nach dem Abitur mehrere Praktika in Mälzereien und Brauereien absolviert, bevor er 1984 den Studiengang Brauwesen und Getränketechnologie an der TU-München begann. Mit dem Abschluss zum Dipl.-Ing. Univ. in der Tasche promovierte er am Lehrstuhl für Technologie der Brauerei I an der TU München und beschäftigte sich in seiner Doktorarbeit intensiv mit dem Thema „Entwicklung einer Selektionsmethode mit Serieneignung zur Anhebung der Bierqualität und der den Biergeschmack beeinflussenden Qualitätsparameter der Gerste“. Nach einigen Jahren in der Brauwirtschaft kehrte er 1995 als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Technologie der Brauerei I wieder an seine Alma Mater nach Freising zurück. 1999 wurde er zum Akademischen Rat ernannt und 2005 bereits zum Akademischen Oberrat. 2007 folgte mit der Habilitation konsequent der nächste Schritt in seiner wissenschaftlichen Karriere; im gleichen Jahr wurde er auch mit der Erteilung der Lehrbefugnis für das Fachgebiet „Mälzerei- und Brauereitechnologie“ zum Privatdozenten und 2010 zum Akademischen Direktor am Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie der TU München ernannt.

Noch nicht genug Bierwissen von Insidern bekommen? Dann gibt es hier weitere Insight in Interviews.

Titelbild: Die Freien Brauer

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