BÄKO-Workshop 2019: Weg mit den Krusten im Kopf

28. Oktober 2019

Berlin im Oktober 2019: Jahr eins nach der dreißigjährigen BÄKO-Workshop-Ära Holger Knieling. Nachdem sich im vergangenen Jahr der BÄKO-Workshop-Initiator und Ausrichter von 30 Veranstaltungen, Holger Knieling, in den Ruhestand verabschiedet hat, war die gesamte Branche, vor allem aber die von der BÄKO gern als Workshop-Stammgäste bezeichneten Wiederholungstäter, gespannt, ob und was sich unter der Federführung des neuen Workshop-Teams geändert hat, oder ob die Handschrift von Holger Knieling nach wie vor zwischen den Zeilen zu erkennen sein wird. Um es vorwegzunehmen: Ja, es wurden an einigen Stellen kleine, sehr effektive und zum Gesamtkonzept passende Veränderungen vorgenommen. Nein, die Veranstaltung ist im Kern nach wie vor das, was sie von Anfang an war: eine tolle Netzwerk-Veranstaltung mit vielen Impulsen für das eigene Unternehmen sowie den persönlichen beruflichen Alltag.

317 Teilnehmer sind nach Berlin gereist, und damit wurde, laut Veranstalter, die Zahl der Anmeldungen vom Vorjahr leicht gesteigert. Was in diesem Jahr besonders herausgestochen ist, war die deutlich höhere Handwerksquote im Vergleich zu 2019; und wenn man sich so umgeschaut und mit den Teilnehmern unterhalten hat, waren tatsächlich viele Bäcker in Berlin das erste Mal dabei. Ein toller Erfolg für das neue (und doch auch ein wenig alte beziehungsweise erfahrene) BÄKO-Workshop-Team, denn Markus Höffer, Abteilungsleiter Produkt-Marketing und Veranstaltungen bei der BÄKO-ZENTRALE eG, hat zusammen mit Holger Knieling schon einige Workshops konzipiert und umgesetzt. Und auch Gunter Hahn, Vorstand der BÄKO-ZENTRALE eG, war als Gastgeber nicht das erste Mal vor Ort und auf der Bühne, bevor er jetzt die Gesamtleitung des BÄKO-Workshops verantwortete: „Das Ziel des Workshops ist es, kommunikative Brücken zwischen den Stammgästen und den Neuen aufzubauen und sich gemeinsam auf die Suche nach frischen Erkenntnissen zu begeben.“

Krusten im Kopf: Motto des BÄKO-Workshops 2019

Frohes Schaffen: Warum man Arbeiten und Glücklichsein nicht trennen sollte

Der Leitgedanke, mit dem eingeladen wurde, lautete: „Krusten im Kopf …“ und zog sich durch die verschiedenen Workshop-Formate und dargebotenen Themen als roter Faden. Nach der offiziellen Begrüßung am Sonntagabend trat Gina Schöler, selbst ernannte Glücksministerin für Glück und Wohlbefinden, auf die Bühne und hat die Grundfrage gestellt: „Welche Werte zählen wirklich im Leben?“ Ihrer Meinung nach hat das Wort Glück ein enormes Imageproblem, ist aber tatsächlich doch in seiner Wichtigkeit und Tragweite für die Gesellschaft, auch durch Schölers Initiative, auf den Weltbühnen der Politik angekommen. Sie appellierte unter anderem an die Teilnehmer, dass es mehr WIR und weniger ICH im beruflichen Alltag braucht, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen, und dass man sich auf die Suche nach Energie-Vampiren und Zeiträubern machen und sie ausmerzen soll, um die Glücksquote im Unternehmen und auch im eigenen Leben zu erhöhen. Ihr Schlusswort hat den ein oder anderen doch nachdenklich werden lassen: „Glück braucht eine Portion Mut.“

Im Heute denken und arbeiten

Matthew Mockridge, Start-up-Coach, legte dar, dass die klassisch-traditionellen Marketinginstrumente zunehmend an Bedeutung verlieren und immer mehr Führungskräfte von morgen erkennen, dass sie nur noch ein Experte unter Experten sind, und wer bessere Ergebnisse will, daher auch Neues tun muss. Er appelliert an die Teilnehmer, dass man interessiert sein muss, nicht interessant. Erfolgreiche Führungskräfte, die Leistung von ihren Mitarbeitern wollen, müssen ihnen Sinn bieten. Dies kann man dann erreichen, wenn man nach dem Prinzip des HEUTE agiert und hinter HEUTE stehen für ihn Hingabe, Emotion, Unterschied, Teamwork und Entscheidung. Nur wer als Führungskraft diese Elemente in sein Handeln integriert, wird erfolgreich sein Team führen.

Dolmetscher zwischen den Generationen

Dr. Steffi Burkhart, Expertin für Zukunft und Generation Y, führte den Teilnehmern die Dringlichkeit langfristig angelegter Mitarbeitersuche und -managements unter ehrlicher Berücksichtigung der Bedürfnisse der jungen Leute von heute vor Augen. Sie warb als selbst ernannter Dolmetscher zwischen den Generationen für Verständnis füreinander. Sie zeigte die Bedürfnisse und Wünsche der verschiedenen Altersgruppen auf, die aktuell als Arbeitnehmer (noch) auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind oder als Arbeitgeber Entscheidungen im Personalbereich treffen: Generation Wirtschaftswunder, Babyboomer, X, Y und Z. Jeder Backbetrieb sollte zukünftig noch stärker hinterfragen, was macht mich attraktiv und wie mache ich auf mein Unternehmen aufmerksam? Die jungen Leute, die unter dem Begriff Millennials zusammengefasst werden, stehen für eine neue Denkweise, haben ein digital geprägtes Mindset, leben neue Zickzack-Lebensläufe, werden also nicht immer jahrelang im Betrieb bleiben, und haben die Deutungshoheit über die wichtigste Massentechnologie unserer Zeit, das Internet. Und sie sind die Trendsetter, auch im Foodbereich. Sie zeigte in ihrem Vortrag Wege zum Erfolg in der Mitarbeiterführung der Fachkräfte-Generation von morgen auf.

Diskussionsrunde über das Image von Filialbetrieben

Unter dem etwas provokanten Titel „Wenn Kunden fragen: Seid ihr ´ne Kette oder backt ihr noch selbst?“ diskutierten die Experten des ersten Vortragsblogs zusammen mit Jürgen Hinkelmann, Bäckermeister und Geschäftsführer der Bäckermeister Grobe GmbH & Co.KG in Dortmund, Chef über 65 Filialgeschäfte, und Bernd Wettläufer, Bäckermeister und Brot-Sommelier, Geschäftsführer der Rockenbäcker GmbH, der in Frankfurt kürzlich einen Brotkulturladen eröffnet hat und das Thema Handwerk sehr stringent in der Kommunikation spielt. Einig sind sich alle sofort, dass sich Kunden unter dem Begriff Filialbetriebe stets einen industriell arbeitenden Backbetrieb vorstellen, der lediglich Teiglinge in den Ofen in der Filiale schiebt. Dass Kette oder Großbetrieb nicht automatisch keine handwerkliche Leistung bedeutet, das müssen Bäcker in Zukunft noch stärker thematisieren: „Qualität hat nichts mit Größe zu tun, die Leute müssen genau hinschauen, was ein Bäcker an den Start bekommt“, so Hinkelmann, dessen Betrieb nicht als „böse“ Kette wahrgenommen wird, sondern viele begeisterte Kunden hinter sich stehen hat, die als Fürsprecher für die Bäckerei agieren. „Bei uns brennt die ganze Familie für Brot“, erklärt Bernd Wettläufer, der die Brotkultur als Brot-Sommelier in seinen Fachgeschäften persönlich vorlebt und so gleichzeitig nicht nur die Kunden mit Verkostungen begeistert, sondern auch seine Mitarbeiter fachlich schult und mit seiner Leidenschaft und Begeisterung ansteckt. Der Konsens am Ende einer sehr interessanten Gesprächsrunde überraschte die Teilnehmer nicht: Bäcker müssen raus, müssen erzählen, was sie machen und damit Mythen aufklären.

Podiumsdiskussion auf dem BÄKO-Workshop 2019 zum Thema Filialbetriebe

Zwei, die leidenschaftlich Bäcker sind, mit Tipps für die Kollegen

„Es muss schmecken, es muss aus der Region kommen, und wenn es auch noch Bio ist, ist es super“, damit erklärte Heiner Beck, Bäckermeister von der Alb, bekannt als „Der BeckaBeck“, seine Philosophie, die er seit vielen Jahren konsequent verfolgt. Er zeigte den Teilnehmern nicht nur sein Konzept auf, sondern stellte ihnen auch alle Player in seinem Partnernetzwerk vor. Er kennt seine Landwirte und Rohstofflieferanten persönlich, hat mit ihnen keine Verträge, sondern regelt Abnahmemengen mit Handschlag und bietet ihnen durch seine langfristig angelegte Zusammenarbeit Perspektiven, mit denen die Landwirte ihren Hof wirtschaftlich führen können. „Und meine Landwirte sind die beste Werbung“, versichert Heiner Beck den Teilnehmern.

„Wir in der Bäckerbranche schlafen und jammern“, so provokativ stieg Bäckermeister und Brot-Sommelier Tim Lessau, Braaker Mühle Brot- und Backwaren GmbH aus der Nähe von Hamburg, in seinen Vortrag ein, und findet, dass die Bäcker häufig zu viel tricksen und das Schlimmste am Jammern ist, dass nichts geändert wird. Er berichtete anhand der Familiengeschichte, dass bei ihnen im Unternehmen auch nicht immer alles gut gelaufen ist, sein Großvater aber als Visionär den Wert der stillgelegten Mühle für die Bäckerei erkannt und dementsprechend gehandelt hat. Heute ist die Braaker Mühle ein erfolgreiches Unternehmen mit einer klaren Positionierung und gelebten Werten; es ist eine Bäckerei, zu deren Mühlenfest bis zu 5.000 Besucher jährlich kommen, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Tim Lessau ist leidenschaftlicher Bäcker und schaut immer genau und auch gern zweimal hin. Er fragte seine Kollegen geradeheraus, wann sie das letzte Mal Kunde im eigenen Fachgeschäft waren, wie viel Zeit sie in der Woche in die Teigqualität investieren, und ob sie für ihre Kunden Erlebnisse schaffen, die diese zum Wiederkauf bewegen? Besonders eindrucksvoll und einprägsam ist seine Leitfrage, mit der er eine so erfolgreiche Mitarbeiterführung betreibt, dass er in diesem Jahr statt der gewünschten 15 gleich 20 Azubis einstellen konnte: „Was will, kann und darf ein Mitarbeiter bei Ihnen?“ Wenn Mitarbeiter wollen, dann werden sie in der Braaker Mühle ermutigt und in allen Punkten unterstützt, damit sie das Ziel auch erreichen. Was ihnen beim Können für eine neue Aufgabe, die sie übernehmen wollen, noch fehlt, wird ihnen beigebracht, und sie bekommen die Zeit, die sie brauchen, um das Neue zu erlernen und umzusetzen. Ein Bäcker mit Leidenschaft, der Spaß hat bei dem, was er tut.

Dies war lediglich ein Ausschnitt einiger Vorträge aus dem Gesamtprogramm des BÄKO-Workshops.

Brot-Sommeliers und Bäcker BÄKO-Workshop 2019 unter sich

Mein persönliches Fazit: Alles in allem eine gelungene Netzwerk-Veranstaltung für die backende Branche, von der jeder Teilnehmer mit neuen Impulsen und Ideen zurück in den Berufsalltag gegangen ist. Die Referenten waren mit Bedacht ausgewählt worden und das Motto der Veranstaltung wurde auf den Punkt getroffen. Die kleinen, neuen Stellschrauben wie neues Logo und andere Formate haben den Workshop moderner gemacht und statt Stadtbesichtigung mehr Fokus auf inhaltliche Themen gelegt. Der nächste BÄKO-Workshop findet vom 08. bis 10. November 2020 in Mannheim statt.

Wer wissen möchte, welche Themen beim BÄKO-Workshop im vergangenen Jahr auf der Agenda standen, kann sich unsere Zusammenfassung von 2018 noch mal in Ruhe durchlesen.

 

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