Bloggende Ökotrophologinnen im Interview: Gabriela Freitag-Ziegler

15. Februar 2019

Portrait von Gabriela Freitag-ZieglerAls spezialisierte Food-PR-Agentur mit einem Team aus Ernährungsexperten haben wir uns auf die Suche nach bloggenden Ökotrophologinnen gemacht, um mit ihnen über das Bloggen als Fachkraft, ihre Motivation und natürlich über ihren Blog selbst zu sprechen. Gabriela Freitag-Ziegler ist eine solche Ökotrophologin und bloggt seit 2014. Ihren „Blog-Salat“ bezeichnet sie selbst als ihr liebstes Ehrenamt. Wie es dazu kam, was sie sonst so treibt und was es mit dem Hashtag #kohlistcool auf sich hat, das erfahren Sie jetzt.

Warum hast du dich entschieden, einen Blog zu machen?

Dahinter stecken zwei Grundideen: Eine geschäftliche und eine sozusagen herzblutmäßige. Zum einen möchte ich mit meinem Blog potenzielle Auftraggeber auf meine Website aufmerksam machen. Denn darauf stelle ich mich und meine Dienstleistungen als Texterin in Sachen Ernährung und Lebensmittel vor. Der Blog macht mich sichtbarer im Netz und verschafft mir so idealerweise neue Kunden.
Die andere Seite ist echtes Herzblut und der Wunsch, die Welt ein bisschen besser zu machen. Das versuche ich mit den Themen, über die ich auf meinem Blog schreibe, zu erreichen.

Wie lange hat es von der ersten Idee bis zum tatsächlichen Online-Gang gedauert?

Ich habe ziemlich lange gebraucht, überhaupt mit einer eigenen Website an den Start zu gehen. Vom festen Vorsatz bis zur Veröffentlichung Ende 2013 mithilfe einer Webdesignerin hat es aber nur noch zwei Monate gedauert. Meinen ersten Blogbeitrag habe ich im April 2014 geschrieben und zwar aus einem Impuls heraus: Damals blühte der Waldmeister in meinem Garten deutlich früher als sonst und ich fand widersprüchliche Informationen, ob man ihn dann noch verwenden kann oder nicht. Ich habe also genauer recherchiert und das Ergebnis in diesen ersten Beitrag eingebaut.

Worum geht es in deinem Blog, wen willst du damit erreichen, und was sind deine Ziele?

Bei mir geht es immer um Ernährung und Lebensmittel, aber auf unterschiedlichstem Niveau und aus verschiedenen Perspektiven. Damit richte ich mich auch an diverse Zielgruppen. Mal poste ich ein Lieblingsrezept und lasse nebenbei einfließen, welche Nährstoffe da drin stecken. Oder ich schreibe über Bio-Lebensmittel, regionales und saisonales Obst und Gemüse. Damit möchte ich Verbraucher zum nachhaltigen Einkaufen und zum Selberkochen motivieren. Ich möchte zeigen, dass gesund und lecker sich nicht ausschließen. Und ich gebe mein Fachwissen – wie in den Texten für meine Kunden – quasi leicht verdaulich weiter.
Berichte ich auf meinem Blog über eine wissenschaftliche Tagung oder einen Messebesuch wie die Biofach, ist das eher ein Service für KollegInnen, Ernährungsfachkräfte oder andere Interessierte, die nicht dabei sein konnten. Darin steckt immer auch ein Netzwerkgedanke. Tatsächlich passiert es mir mittlerweile oft, dass ich auf einem Kongress mit Menschen ins Gespräch komme, weil sie mich von meinem Blog her „kennen“ oder über die Social-Media-Kanäle, auf denen ich unterwegs bin.
Indirekt richte ich mich mit meinen Blogbeiträgen an potenzielle Kunden. Die sehen schnell, welches meine Spezialthemen sind, wie ich recherchiere und schreibe.

Hältst du es für wichtig, dass sich mehr Fachkräfte trauen, einen Blog zu schreiben, und wenn ja, warum?

Ja, unbedingt, aber das ist nur sinnvoll, wenn jemand wirklich Spaß am Schreiben hat. Und damit meine ich keine Fachtexte, sondern kreative, spannende Texte mit einer Portion Humor und Persönlichkeit. Dann ist so ein Blog eine wunderbare Möglichkeit, das eigene Wissen geschickt verpackt weiterzugeben. Das ist letztlich ein prima Service für die Leser, die vor lauter widersprüchlichen Informationen im Netz nicht wissen, was sie glauben sollen.
Ich vermute, viele Ernährungsfachkräfte trauen sich nicht, weil sie zu perfektionistisch an die Dinge herangehen. Man hat schließlich studiert und möchte auf keinen Fall etwas Falsches oder nicht eindeutig Bewiesenes verbreiten. Aber was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall entspinnt sich in den Kommentaren eine lebhafte Diskussion und jeder lernt dazu.
Außerdem bin ich überzeugt davon und werbe dafür: Nur gemeinsam sind wir stark und sichtbar. Das heißt, je mehr von uns einen eigenen Blog betreiben, desto besser können wir uns vernetzen und desto sichtbarer werden wir als Gruppe. Schließlich passen wir bloggenden OecotrophologInnen nicht wirklich in die Kategorie „Foodblogger“. Wir füllen eine Nische, die noch nicht so bekannt ist und mit Leben gefüllt werden will.

Es gibt mittlerweile so viele Informationsquellen zu Ernährungsthemen im Internet. Glaubst du, es ist schwierig, sich gegen die junge Foodbloggerwelle durchzusetzen?

Klassische Foodblogger leben ja vor allem von kreativen Rezepten und tollen Fotos. Dagegen kann und möchte ich persönlich mich gar nicht durchsetzen. Ich kenne mich nämlich besser mit Ernährungsphysiologie aus als mit Foodfotografie. Zu letzterer hole ich mir gerne Anregungen, aber mehr auch nicht. Das gilt genauso für die Art, wie sich die Foodblogger vernetzen: Durch Blogparaden inklusive passender Hashtags. Durch fleißiges Teilen, Liken und Kommentieren. Das ist das „social“ in Social Media und da können wir Ernährungsfachkräfte uns eine Scheibe abschneiden.
Und dass es so viele Informationsquellen im Netz zu Ernährungsthemen gibt, heißt noch lange nicht, dass bereits alles geschrieben bzw. richtig dargestellt wurde. Das zeigt das Beispiel vom blühenden Waldmeister. Und das zeigt mein Blogpost zum Postelein, der es bei Google auf die erste Seite geschafft hat. Offensichtlich gibt es zu diesem Wintersalat noch Informationsbedarf und den konnte ich mit meinem Beitrag stillen.

Mit welchen Argumenten würdest du jemandem erklären, dass es besser ist, den Blog einer Fachkraft zu lesen, als irgendeinen anderen?

Dieser Jemand darf gerne ganz viele Blogs lesen und all die köstlichen Rezepte nachkochen. Oder sich auf Blogs und in den Sozialen Medien Anregungen für Geschenke aus der Küche oder Tipps für die Resteverwertung holen. Sobald es aber komplizierter wird und beispielsweise um Stoffwechselerkrankungen, Wirkungen bestimmter Nährstoffe oder gar Empfehlungen für Krebspatienten geht, rate ich zu einem gründlichen Blick ins „Über mich“: Woher hat derjenige, der hier schreibt, sein Wissen? Stecken dahinter (nur) persönliche Erfahrungen und Meinungen oder eine fundierte fachliche Ausbildung?
Natürlich kann sich jeder auch ohne Studium eine Menge anlesen und gut Bescheid wissen. Ob das der Fall ist, kann ein Laie aber schwer einschätzen. Finden sich dagegen Berufsbezeichnungen wie „OecotrophologIn“, „ErnährungswissenschaftlerIn“ oder „zertifizierte/r ErnährungsberaterIn“ auf der Website, ist der Leser quasi auf der sicheren Seite.

Was glaubst du, wie sich das Verbraucherverhalten bezüglich der Kommunikation rund um Ernährungsthemen in den nächsten Jahren verändern wird?

Ich denke, dass die Sozialen Medien weiter eine wichtige Rolle spielen werden und sich das Rad nicht mehr zurückdrehen lässt. Dafür ist diese Welt der ständig und überall verfügbaren Informationen und des Austausches per Smartphone einfach zu attraktiv. Doch es gibt ja bereits erste Gegenbewegungen. Da ist von digitalen Auszeiten, „digital detox“ oder Smartphone-Fasten die Rede. Offensichtlich sind viele Menschen mittlerweile übersättigt von dieser wahnsinnigen Informationsflut. Die drücken dann hin und wieder einfach mal auf Pause. Das könnte uns Ernährungsfachkräften einen Wettbewerbsvorteil im Sinne von Klasse statt Masse verleihen: Lieber hin und wieder einen gut recherchierten Beitrag mit echtem Mehrwert von einem Experten lesen als zig austauschbare Belanglosigkeiten.

Gibt es einen Beitrag auf deinem Blog, der dir besonders wichtig ist, wenn ja, welcher ist es und warum?

Ich habe jetzt insgesamt 127 Beiträge für meinen eigenen Blog geschrieben und in den meisten steckt jede Menge von dem erwähnten Herzblut. Im letzten November habe ich mir viel Mühe mit einem Blogpost unter der Überschrift „Kohl ist cool und hat jetzt Hauptsaison“ gemacht. Darin habe ich es laut einer Kommentatorin offensichtlich geschafft, „sehr elegant, von Social Media kommend über praktische Tipps zu einem leckeren Rezept“ zu gelangen. Genau das war der Plan. Und jetzt nutze ich den Hashtag #kohlistcool so oft es sich anbietet auf Twitter oder Instagram und freue mich, wenn andere mitmachen. Es wäre doch toll, wenn wir so immer mehr Leute davon überzeugen, im Winter mit heimischen Kohlsorten zu kochen als mit von weither importiertem Gemüse.

Noch nicht genug von bloggenden Ökotrophologinnen? Auch mit Bettina Halbach haben wir ein Interview geführt.

 

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