Im Gespräch mit Schwester Doris: Erkenntnisse aus über einem halben Jahrhundert in der Bierbranche

15. November 2019

Klosterbrauerei Mallersdorf

Zu früheren Zeiten waren sie der Bier-Hauptproduzent, heute sind sie rar geworden – authentische Klosterbrauereien, die unter der Leitung von Schwestern und Mönchen stehen. Eines der letzten Originale ist die Klosterbrauerei Mallersdorf auf dem niederbayerischen Land zwischen Landshut und Regensburg gelegen. Inmitten des kleinen Dörfchens thronen erhaben die weißen Gemäuer des Klosters, eher unscheinbar wiederum versteckt sich in ihnen die Brauerei, auf die lediglich ein unauffälliges Schild hinweist. Oft herrscht auf dem Innenhof reger Verkehr, zahlreiche Selbstabholer von nah und fern wollen ihren Vorrat an Bier und Limonaden von Schwester Doris füllen. Wie fern das sein kann, zeigte vor kurzem der Besuch zweier chinesischer Geschäftsmänner, die auf der Suche nach Besonderheiten für den – kürzlich eingebrochenen – chinesischen Biermarkt waren. Vor zu kurzer Haltbarkeit des frischen Bieres schreckten diese nicht zurück, sie würden die Pasteurisation für den weiten Weg übernehmen. Da es jedoch keine Lösung für die Leergutrückgabe der gefragten Bügelflaschen gab, blieb Schwester Doris gewohnt konsequent, und der Besuch musste mit leeren Händen wieder nach Hause zurückkehren. Im Gespräch verrät sie uns, wie ihr Weg in die Bierbranche war, was sie dort so mitgemacht hat, und wie sie sich die Zukunft für die Klosterbrauerei Mallersdorf vorstellt.

Schwester Doris, Sie sind ein Urgestein in der bayerischen und deutschen Braubranche. Ihr Werdegang ist einmalig; wie hat dieser seinen Anfang genommen? Wie kam es zu der Entscheidung, dass Sie im Kloster den Aufgabenbereich Brauen übernommen haben? Hatten Sie die Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin in der Klosterbrauerei Mallersdorf gemacht?

Da mein Vater grundsätzlich einer weiterführenden Schule zustimmte, allerdings nur unter der Voraussetzung, ein Internat zu besuchen, war ich wie alle meine Geschwister auf einem Internat. So war ich selbst von 1962 bis 1966 auf der Mädchenrealschule in Mallersdorf. Das war günstig und in der Nähe meines Elternhauses, wo ich 1949 geboren wurde. In Mallersdorf hatte ich mich als letzte von zehn Kindern dazu entschlossen, Krankenschwester zu lernen, weil ich schon immer mit der ambulanten Krankenschwester zu tun hatte, als sie zur Pflege zu meiner gesundheitlich angeschlagenen Mama kam. Meine Vorgängerin und die Direktorin der Realschule haben sich gut verstanden, und die Braumeisterin fragte daher die Realschuldirektorin, ob sie nicht eine hätte, die in der Brauerei lernen könnte. Mein eigentlicher Traum war es, Landwirtschaft zu studieren. Dann bin ich jedoch mit einer Lebkuchendose in die Brauerei geschickt worden. Ich sollte nachfragen, ob die Schwester dort sie brauchen könnte und falls nein, solle ich sie wieder zurückgeben. Hintergrund war, dass die damalige Braumeisterin keine mehr nehmen wollte, ohne dass sie sie davor gesehen hat, scheinbar hatte es mit der vor mir nicht so recht gepasst. Nachdem die Braumeisterin dann ihr Okay gab, habe ich Anfang 1967 bis 1969 dort gelernt.

Ich war auch die einzige Auszubildende. Selbst habe ich in meiner beruflichen Laufzeit auch nie ausgebildet, hatte aber zahlreiche Praktikanten sowohl von der Schule als auch von Weihenstephan. Auszubildende sind aus verschiedenen Gründen für so einen kleinen Betrieb wie unseren schwierig. Sie bleiben nach der Lehre meistens nicht und können auch noch nicht Auto fahren, wenn sie die Lehre beginnen. Sollten sie mir versichern, dass sie danach bleiben – hätte ich sie sofort genommen. Zwei meiner Praktikanten hätten das Potenzial gehabt, von mir übernommen zu werden; es hätte alles gepasst. Unsere Brauer sind alle super ausgebildet, aber wenn sie keine Lehrzeit hatten, bin ich so boshaft und sage, dass sind Computerbrauer. Auch Schwangerschaften sind für uns schwierig zu kompensieren, da kann man dann nicht so leicht sagen, ob und wie lange sie zum Abfüllen – was nur zu zweit möglich ist – eingesetzt werden können. Die gesundheitlichen Gefahren dabei sind zu groß. In einem Betrieb mit 1.500 Personen ist das anders, da können Aufgaben neu verteilt werden.

Gleich in einer der ersten Brauvorlesungen wurde mir von Ihnen als erste Braumeisterin erzählt. Jetzt aus erster Hand, stimmt das? Wie war dieser Teil Ihrer Ausbildung und in welchem Jahr machten Sie Ihren Abschluss?

Meisterbrief von Schwester Doris

Da ich nicht berufsschulpflichtig war, besuchte ich 1969 den letzten in dem Jahr angebotenen Kurs der Brauer-Fachschule in Ulm und machte dort die Gesellenprüfung.

Im Anschluss sammelte ich erste Erfahrungen in einem Laborpraktikum bei der Brauerei Becker in St. Ingbert, zu der Zeit die größte Privatbrauerei. 1974/75 absolvierte ich dann in Ulm die Meisterschule mit Erfolg. Zu diesem Zeitpunkt war meine Vorgängerin schon herzkrank, und es musste schnell gehen. Doemens hatte damals den Braumeister nur mit drei Semestern angeboten, und Ulm war mit zwei Semestern kürzer, deswegen habe ich die Meisterprüfung dort gemacht.

Da war ich dann auch die Beste, was aber nicht überraschend war, weil alle Männer in meinem Jahrgang jung verheiratet waren und/oder die Hauptschule nicht abgeschlossen hatten. Außerdem war es das Jahr, in dem man nicht anderes zu tun hatte, als die Meisterprüfung zu bestehen. Da muss man sich nicht groß anstrengen, aber ich hatte schon Theorie gelernt, wenn auch nicht übertrieben viel. In dem Jahr starb meine Mutter, und ich fuhr jedes Wochenende nach Hause. Auf alle Fälle haben die Ulmer eine Aufpolierung ihres Rufes gebraucht, und als ich ein paar Wochen zu Hause war, stand bereits die Laaber Zeitung vor der Tür, die ihnen dann meine Vorgängerin aufmachte. Als die Journalisten meinten, sie würden gerne über die Schwester Doris schreiben, sagte diese nur, ob sie auch schon aufgestanden wären. Schon stand in der Zeitung über sie „die bärbeißige Altmeisterin“. Auf alle Fälle bin ich Ulmer Braumeisterin und stolz darauf. Eine kleine Korrektur meinerseits: Die erste stimmt so nicht hundertprozentig, weil in Ulm davor auch schon privat eine Brauerei-Tochter ausgebildet wurde, deren Vater verstorben war.

Schwester Doris, wie ist es Ihnen all die Jahre in einem Männerberuf ergangen? Haben Sie dazu noch ein abschließendes Fazit?

Mir ist es gut ergangen und mir wurde immer auf Augenhöhe begegnet. Aber ja, die Braubranche ist noch eine Männerdomäne, da muss man sein Können schon unter Beweis stellen. Das ganze Thema ich als ‚Frau in einer Männerdomäne‘ ist auch hochstilisiert worden und das schon ab der Meisterprüfung. Die FSS Ulm hat eine Aufwertung gebraucht und so haben sie nach außen kommuniziert – wir haben die Kloster-Braumeisterin. Dadurch, dass ich zu ihrem Aushängeschild wurde, ist das Ganze auch erst ein Gesprächsthema geworden.

Der Beruf wird langsam wieder attraktiv für junge Frauen? Sehen Sie das auch so?

Warum nicht, eine Frau braut genauso gut Bier wie ein Mann. Das Problem ist bei dem Beruf nicht das Können, sondern wie Frauen in der Brauerei angenommen werden. Mir hat eine Brauerin erzählt, dass sie sich in vier Brauereien beworben und von drei Absagen bekommen hat, mit der Begründung des Chefs, falls er eine Brauerin nimmt, würde die ihm den ganzen Betrieb aufmischen. Das kann ja kein Grund dafür sein, eine Anstellung nicht zu bekommen. Das hat zur Folge, dass die Brauerinnen nach ihrer Ausbildung nicht in der Brauerei selbst tätig sind, sondern bei Zulieferunternehmen oder ähnlichem. Dabei sieht man ja auch bei Brauereien, in denen es Frauen Braumeisterinnen sind, dass diese ihren Job gut machen und vollkommen dahinter stehen.

Schwester Doris, zum Abschluss noch die Frage, was halten Sie von dem immer wieder aufkommenden Thema des Frauenbieres? Da ja Frauen angeblich kein Bier mögen und für sie deswegen etwas Spezielles gebraut werden soll?

Also zunächst sind ein Viertel der Frauen Biertrinker und das sogar regelmäßig. Wie sollte denn so ein Frauenbier aussehen? Leichter? Ich meine, brauen kann man viel, auch Mondschein- und Solarbiere, es kommt immer darauf an, wie man es auslegt.

Zum Thema Klischees in der Bierbranche habe ich noch einen anderen Punkt in eigener Sache und zwar wird Wein getrunken und Bier gesoffen. Gegen dieses Vorurteil müssen wir Brauer vorgehen, auch ein Bier ist ein Genussmittel und soll getrunken werden.

Blick durch Türe auf Schwester Doris

Auszüge aus diesem Interview erschienen erstmalig in der BRAUWELT.

Wer mehr von Frauen in Männerberufen lesen möchte, der findet hier ein Interview mit Steffi Forster, die im Fleischerhandwerk tätig ist.

 

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