Die Bäckerei der Zukunft = Schöne neue (Bäcker)Welt!?

02.04.2019

| Lesezeit: 6 Min.

Mit einer kurzen Handbewegung in Richtung des angegeben Kontaktpunkts öffnet sich die Tür zur Bäckereifiliale. Die Glastüren gleiten lautlos auf und man betritt den hell erleuchteten Verkaufsraum, in dem es wunderbar nach frischem Brot, feinen Kuchen und aufgebrühtem Kaffee duftet; und das, obwohl alle Brote, herzhaften sowie süßen Backwaren und Kuchen hinter sorgfältig geputzten und hermetisch abgeschlossenen Glastüren auf einfach zu reinigenden Edelstahlregalen liegen und man keine Tassen mit frisch aufgebrühten Kaffeespezialitäten erblicken kann.

Auch Bäckerfachpersonal, das ein gewohntes „Was darf es sein?“ anspricht, ist nirgends zu sehen. Wie kann das sein? Der Duft entströmt einem Gerät, das den Geruch einer Backstube und eines Cafés perfekt nachahmt, die Regale werden von der Rückseite über ein ausgeklügeltes System aus Laufbändern laufend bestückt und alle Bestellungen können per Tasteneingabe gemacht werden. Gezahlt wird am Ende kontaktlos mit der EC- oder Kreditkarte am vorgesehenen Terminal.

Was sich nach einem Intro eines Science-Fiction-Romans oder einem schlechten Traum anhört, hat mehr Realität in sich, als man aktuell glaubt. Denn viele Bäckereien definieren sich neu, bieten Erlebnisse und Geschichten rund um die eigentlichen Kernprodukte Brot und Backwaren.

Filiale Bäckerei Martin Auer Graz
© MARTIN AUER GMBH

Ohne Bargeld zum Bäcker?

EC-Terminals in Bäckereien, in erster Linie in deutschen Ballungszentren, sind keine Zukunftsmusik mehr. Den Schritt in die komplett bargeldlose Filiale wagte die Bäckerei Martin Auer. Im Frühjahr 2017 wurde das Bargeld aus der Filiale am Sonnenfeldplatz verbannt. Kunden bezahlen ihren Einkauf seither ausschließlich mit Karte über ein Terminal. Für Kinder wurde eine Prepaid-Karte eingeführt. Dieser Schritt ist keinesfalls „der Wunsch nach einer generellen Abschaffung des Bargeldes“. Vielmehr war die Intention, „Zeitaufwand und Fehlerquellen beim Hantieren mit Münzen und Scheinen auf diese Weise zu reduzieren“, sagte Martin Auer zum Zeitpunkt der Einführung. Zwei Jahre nach dem Start dieses Konzepts habe ich nachgefragt, wie die Resonanz zu dieser Filiale ist: „Wir bekommen viel positives Feedback. Das beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Zahlungsmethode :-). Viele Kunden sehen einfach den Vorteil, den sie durch die Kartenzahlung haben. Der Einkauf geht schneller und man läuft nicht Gefahr, das Wechselgeld falsch herauszubekommen“, heißt es seitens des Unternehmens.

Digitale Beratung ist besser … als keine

Ich bin absoluter Fan von persönlichen (Beratungs-)Gesprächen. Aber wie oft kommt es vor, dass man an der Bäckereitheke steht und versucht, die Preisschilder in der Ferne nach den Zutaten der Backwaren abzuscannen. Schwierig ist das. Und wenn die Verkaufsmitarbeiter vielleicht neu sind oder viele Kunden bedienen müssen, bleibt oft keine Möglichkeit für ein ausführliches Gespräch über Zutaten und Rezepturen. Zumindest geht es mir so, wenn hinter mir die Kundenschlange gehetzt steht und wartet. Dann kaufe ich lieber nur das gewohnte Brot und bin auf der sicheren Seite. Wie schön wäre es, Zutaten, Nährwerte und Wissenswertes zu den einzelnen Backwaren oder Neuheiten über fest installierte Tablets und Infoscreens im Verkaufsraum aufrufen zu können, ohne die anderen Kunden gefühlt aufzuhalten? Oder in Ruhe nach Allergenen zu schauen, weil ich wegen Unverträglichkeiten darauf achten muss? Oder einen vegetarischen Snack über Filterfunktionen auszuwählen, weil ich einfach gern vegetarisch esse? Und dann ist der Schritt zum folgenden Ausblick nicht mehr weit …

Monitor demonstriert neue Technologien.
© kommunikation.pur

Self Service Stationen

Was wäre, wenn man über digitale Geräte bestellen könnte? Also Self Service Konzepte, die den Bestellprozess in der Systemgastronomie seit über einem Jahr umkrempeln, und manchmal sogar das Warten am Abholtresen sparen, mit dem Einsatz von Pagern oder Funksendern. Sicher ist das nicht für jeden Bäckereistandort eine Möglichkeit. Aber die Vorteile sind doch herauszustellen: Ich persönlich genieße einfach die Ruhe. Denn gerade wenn der Andrang an den Kassen groß ist, finde ich es toll, in Ruhe das Sortiment anzuschauen, zu bestellen und zu bezahlen.

Fazit: Bäckerei der Zukunft

Die Bäckerei der Zukunft wird sich immer mehr differenzieren. Einerseits mit individuellen Produkten, um sich von der industriellen Massenware abzugrenzen, andererseits mit einem neuen Bäckereierlebnis – digital und emotional. Ein Beispiel dafür ist unter anderem das bäck stage in Mössingen; eine Bäckerei, die mit Event-Location, Restaurant, Hotel und Backkursen eine Differenzierung schafft. Und nicht zu vergessen, aber immer wichtiger: Die Bäckerei der Zukunft setzt sich auch mit dem Trend zur Rohstoff- und Geschmacksvielfalt und einem gastfreundlichen Wohlfühlambiente in Szene.

Wer mehr über die Bäckerei der Zukunft lesen möchte, kann in diesem Interview mit Dominique Huth in die gläserne (Bäckerwelt-)Kugel blicken.

 

BEITRAG TEILEN

WEITERE ARTIKEL, DIE DICH INTERESSIEREN KÖNNTEN

Hygge, Lagom und Co.: Was wir von Skandinavien lernen können
Was haben Gemütlichkeit, bewusste Pausen, das richtige Maß und Zeit in der Natur gemeinsam? In Skandinavien gibt es dafür gleich mehrere Begriffe: Hygge, Mysig, Lagom, Fika und Friluftsliv. Sie beschreiben unterschiedliche Facetten einer Lebensart, die weltweit fasziniert, und zeigen, dass manchmal schon kleine Veränderungen im Alltag einen Unterschied machen können. Was wir uns davon abschauen können, zeigen wir in diesem Beitrag. mehr
Sandra Ganzenmüller und Candy Sierks
Die Kommunikationswelt verändert sich: Kanäle werden vielfältiger, Prozesse schneller und Künstliche Intelligenz hält Einzug in den Agenturalltag. Gleichzeitig bleiben fachliche Kompetenz, Vertrauen und persönliche Beziehungen unverzichtbar. Agenturgründerin Sandra Ganzenmüller und Nachfolgerin Candy Sierks sprechen darüber, was gute Food-Kommunikation heute ausmacht und was sie morgen leisten muss. mehr
Kiosk-Konzepte neu gedacht.
Zeitung, Zigaretten, Gummibärchen und fertig ist der Kiosk? Von wegen. Was jahrzehntelang als Basisversorger mit überschaubarem Sortiment galt, wird gerade neu definiert. Zwischen Coffee-to-go-Kultur, Digitalisierung und Kiez-Romantik entstehen Konzepte, die zeigen: Der Kiosk ist der heimliche Trendsetter des kleinflächigen Einzelhandels. Auch mir ist dieser Wandel zuletzt immer wieder aufgefallen. Wenn man durch die verschiedenen Stadtviertel in München schlendert, ist an vielen Ecken ein neuer Kiosk aufgepoppt und beim genaueren Hinsehen wird schnell klar, dass sich dahinter weit mehr verbirgt als der klassische Zeitschriften- und Zigarettenladen von früher. mehr
Food Kommunikation am Essenstisch
Kaum ein Thema ist so nah dran am Alltag der Menschen und gleichzeitig so emotional besetzt wie Ernährung. Wir haben uns die Studie „Gesellschaft und Ernährung: Was uns verbindet und trennt“ angeschaut. Auf Basis von sechs Fokusgruppen und einer repräsentativen Befragung zeichnet sie ein differenziertes Bild davon, wie Menschen in Deutschland über das Essen denken, wo es im Alltag Konflikte gibt und worin man sich einig ist. mehr
Nach oben scrollen