Paneum: Heimat geballter Brotkultur

2. März 2018

Man nähert sich dem erst kürzlich eröffneten Projekt von Peter Augendopler, Begründer des in der Backbranche sehr erfolgreich agierenden Unternehmens backaldrin, von der Westautobahn aus Linz kommend; schon von Weitem sticht allen Vorbeireisenden das ungewöhnliche, in der Sonne silbern glänzende Bauwerk ins Auge. Eine Wolke, ein Raumschiff, ein Brotteig oder ein Stück Baumkuchen? All diese Gedanken haben in der Entstehungshase des Paneums sicher mal im Raum geschwebt, genauso wie der obere, imposante Freiform-Gebäudeteil auf dem kastenförmigen Betonunterbau in der Luft schwebt. Es ist ein Gebäude, das nach aktueller Architekturlehre eigentlich gar nicht existieren kann.

„Der obere Teil des Paneums ist ein Holzbau in freier Form, der ohne Stahlträger oder sonstige Stützmöglichkeiten gebaut wurde; es handelt sich um eine sich selbst tragende Konstruktion, die in dieser Art in Österreich und weltweit einzigartig ist“, erklärt Peter Augendopler seinen Besuchern und schmunzelt beim Gedanken an die Startphase im Bauprozess: „Die erste Reaktion der Holzbauer, mit denen ich in einem sehr frühen Stadium meiner Überlegungen gesprochen habe, war: ‚Das geht nicht.‘ Eine solche Aussage ist für mich natürlich ein immenser Ansporn gewesen.“

Architektonisches Wunderwerk

Das Paneum trägt die Handschrift des in Wien geborenen Prof. Wolf D. Prix, der CEO eines der bekanntesten Architekturbüros der Welt ist: COOP HIMMELB(L)AU. Neben der BMW Welt in München stehen so eindrucksvolle und bekannte Bauten wie die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main oder das Museé des Confluences in Lyon auf seiner Referenzliste. „Eigentlich ist ein Bau wie das Paneum für ihn Mickey Maus; wir haben nicht damit gerechnet, dass das Büro ein so kleines Projekt übernimmt“, berichtet Augendopler weiter, hat sich aber dennoch um einen Termin bei Prix bemüht. Und wider Erwarten ging das sehr rasch. Schon am Tag nach der Kontaktaufnahme mit dem Büro von Wolf D. Prix kam von dort der Anruf, dass dem Professor ein Termin ausgefallen ist und Peter Augendopler morgen in Wien vorbeikommen könne.

„Also haben wir uns ins Auto gesetzt. Als ich ins Architektenbüro trat, wusste ich, dass ich gerettet bin. Das ist bei mir immer so, ich weiß in der ersten Sekunde, ob das ein Ja oder ein Nein wird. Bei diesem ersten Termin habe ich von Brot, seiner Bedeutung für die Menschheit, von Brotgeschichte und -kultur sowie meiner Sammlung an Ausstellungsstücken berichtet, die eine Heimat, einen Raum, eine Wunderkammer brauchen. Und er hat einfach zugehört und mit dem Zeichnen begonnen. Am Ende des Gesprächs hat er mir eine Skizze gezeigt und ausgerufen: ‚Das wird es!‘ Es hat sich dann zwar herausgestellt, dass es so nicht baubar war, aber er wollte das Projekt übernehmen.“ Tatsächlich wurden dann bis zum Baustart zwölf Modelle gebaut; im Bau selbst sind 88 Schichten Brettsperrholz verarbeitet, wurden 60.000 Holzschrauben eingesetzt, 3.131 Edelstahlschindeln angepasst und 1.256 Quadratmeter Fassadenfläche geschaffen.

Broterlebnis sondergleichen

Das Ergebnis ist außen wie innen ein Denkmal, ein modernes Museum für ein traditionelles Lebensmittel, das die Menschheit prägt und sie seit über 10.000 Jahren begleitet wie fast kein anderes. Peter Augendoplers Vision für das Museum lautet ganz schlicht: Besuchern zu zeigen, was alles mit Brot zusammenhängt. Und das ist ihm vollumfänglich gelungen. Selbst Kritiker der ersten Stunde, die geunkt haben, dass das wohl eine Machtdemonstration und eine backaldrin-Markenwelt werden wird, müssen einsehen, dass mit dem Paneum ein Raum für die über viele Jahrzehnte gesammelten Zeitzeugen der Brotkultur geschaffen wurde. Die Besucher können in Vitrinen alte Getreidekörner anschauen, sehen Schandmasken, mit denen Bäcker früher an den Pranger gestellt wurden, wenn sie beim Brotgewicht geschummelt haben, und finden Beigaben zum Brotherstellen aus alten ägyptischen und chinesischen Grabstätten für die Zeit im Jenseits.

Unter dem Stichwort „Das Wissen der Welt“ hat Peter Augendopler zudem unzählige Schriftstücke und Bücher aus aller Welt, vorrangig deutschsprachige Literatur, zusammengetragen und in einer Bibliothek des Brotwissens zusammengefasst. Diese betritt man durch eine Glastür, für die man einen Schlüssel braucht. Schließt sich die Tür hinter einem, ist man mit gefühlt allem niedergeschriebenen Wissen zu Brot allein und hört ganz leise im Hintergrund die restlichen Besucher, die sich im Paneum umschauen.

Wundersames auf einem Raum

Auf die Frage, was hinter dem Zusatz zum Namen „Paneum“ – Wunderkammer des Brotes – steckt, berichtet der Erschaffer, dass es sich bei dem Begriff „Wunderkammer“ um die Bezeichnung für einen Raum handelt, in dem Wundersames, vieles gesammelt wird. Und genau das ist es. Aber warum musste es so ein komplizierter und auffälliger Bau werden? Brot ist doch auch eher ein grundsolides Lebensmittel mit viel Tradition? „Mir ist es wichtig, dass Brot in einem modernen Rahmen präsentiert wird; ein Traditionsgebäck sollte der Welt nicht auch noch in einem traditionellen Rahmen gezeigt werden“, erklärt Augendopler die Beweggründe für das Bauwerk und seine Vision: „Das Paneum ist ein kleiner Beitrag zur Vermittlung von Brotkultur.“

Und warum er ein so leidenschaftlicher Bäcker ist, erklärt er wie folgt: „Für mich steht Backen weit über Kochen. Jeden Konsumenten fasziniert das Backen, es inspiriert die Leute mehr als Kochen, denn im Verglich zum Kochen handelt es sich beim Backvorgang um eine permanente Verwandlung der Materie und nicht nur ein Zubereiten und Zusammenstellen verschiedener Rohstoffe.“ Und Brot hat die Menschen ernährt: „Brot war immer Mangelware und daher kostbar.“

Hilfe von der Ötzi-Truppe

Das Sammeln von Ausstellungsstücken ist das eine, aber wie konzipiert man eine dauerhafte Ausstellung über mehrere Stockwerke? „Im Vergleich zur äußeren Form hatte ich von der Innendarstellung genaue Vorstellungen“, erklärt er auf die Frage. Aber dennoch hat er sich auch hier Experten ins Haus geholt: die Gruppe Gut, die auch die Ausstellung im Ötzi-Museum in Bozen konzipiert und umgesetzt hat. Sie hatte die Aufgabe, aus einer unermesslichen Anzahl an Einzelstücken, zusammengetragen über mehrere Jahrzehnte, eine Gesamtausstellung zu kreieren. „Du brauchst in erster Linie Ausdauer. Manchmal dauert es Jahre, bis man ein bestimmtes Objekt erwerben kann.“ Peter Augendopler weiß zu jedem Exponat eine Geschichte zu erzählen, wie es in den Besitz von backaldrin gelangte.

Das Paneum stellt eine aktuell einzigartige Kombination aus ungewöhnlicher Architektur und Brotmuseum dar, die von den ersten konkreten Überlegungen bis zur Eröffnung über zwei Jahre Bauzeit in Anspruch genommen hat. Das Paneum ist also gereift wie guter Brotteig, wenn man so will, und hat die Zeit bekommen, die es brauchte, um nun mit einer vielschichtigen Sammlung Besucher in die Welt des Brotes zu entführen. Einer seiner letzten Sätze am Ende der Führung war: „Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass wir immer noch ganz am Anfang stehen.“ Und das gilt nicht nur für die Erforschung der Brotkultur, sondern sicher auch für seine Sammelleidenschaft. Man kann also von wechselnden Ausstellungsstücken ausgehen, die auch einen zweiten Besuch zu einem Erlebnis werden lassen. In der Tat schlummern bereits jetzt ausstellungswürdige Stücke in seinem Keller, die noch keinen Platz in der Ausstellung gefunden haben, aber seinen Angaben zufolge diesen bald bekommen sollen.

Eine Reise wert

Es ist seit der offiziellen Eröffnung am 9. Oktober 2017 ein Besuchermagnet; Mehr als 6000 Interessierte haben mittlerweile den Weg nach Asten gefunden und sich in der Welt des Brots umgeschaut. Das Paneum ist für jeden einen Besuch wert; wem beim Betreten des Museums noch nicht klar war, ob Brot wirklich einen so großen Einfluss auf die Menschheit hatte und immer haben wird, der wird durch den Rundgang eines Besseren belehrt und verlässt das Museum mit einem neuen Blick auf das Kulturgut Brot. Architekturfreaks bekommen als Bonus noch gezeigt, dass einmal unmöglich Geglaubtes doch möglich werden kann.

Lust auf mehr Brotgenuss bekommen? In der Rubrik schlagzeile.pur gibt es eine Hommage an die deutsche Brotkultur zum Tag des deutschen Brotes zum Nachlesen.

 

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